![]() | Wallfahrt und Pilgerzeichen Ein Projekt des Lehrstuhls für Christliche Archäologie, Denkmalkunde und Kulturgeschichte an der Theologischen Fakultät der HU Berlin in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Mittelalterliche Geschichte am Institut für Geschichte und Kunstgeschichte der TU Berlin und dem Museum Europäischer Kulturen - Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Preußischer Kulturbesitz | ![]() |
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 195
Europäische
Pilgerzeichenforschung
Die Zentrale Pilgerzeichenkartei (PZK) Kurt
Kösters (+1986)
in Nürnberg
und der Forschungsstand nach 1986
von
Jörg Poettgen
In der europäischen Pilgerzeichenforschung nimmt
der Name Kurt Köster (1912-1986)
einen ersten Rang ein, ein Name, dem sich das Deutsche
Glockenmuseum auf Burg Greifenstein in besonderer Weise verpflichtet
fühlt. So findet sich bereits im ersten Doppelband des Jahrbuch für Glockenkunde eine Bibliographie seiner Veröffentlichungen
zur Glockenkunde, zu denen auch zahlreiche Beiträge über das Pilgerzeichenwesen
gehören[1]. Sie bilden das wissenschaftliche Fundament
dieser Disziplin und werden in nahezu jeder Publikation über Pilgerzeichen
mehr oder weniger umfangreich zitiert.
Weitgehend
unbekannt hingegen ist die zentrale Pilgerzeichenkartei (PZK) geblieben, die
Köster nach seiner Pensionierung
mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) erstellt hat und die Informationen über mehr als 6500
Pilgerzeichen und andere Devotionalien umfaßt.
Die Bedeutung dieses Archivs, das Köster wenige Monate vor seinem Tode
abgeschlossen, aber selbst nicht mehr publiziert hat, soll im folgenden Beitrag
erstmals dargestellt werden. Dazu gehören ein Rückblick auf die Geschichte
der Pilgerzeichenforschung vor Köster und
ein Ausblick auf die Weiterführung nach seinem Tod im Jahr 1986.
I. Die Anfänge der Pilgerzeichenforschung
Als man im 19. Jahrhundert begann,
mittelalterliche Kulturzeugnisse zu sammeln und zu erforschen, gehörten dazu
auch Abzeichen von Wallfahrtsorten, die den Pilgern zum Andenken und zur
Dokumentation ihrer erfolgreichen Wallfahrt verkauft wurden.
Obwohl es schriftliche Zeugnisse gibt, daß die
Zahl derartiger Devotionalien selbst an einem einzigen Ort und in einem
einzigen Jahr in die Hunderttausende ging, fand man derartige Objekte nur
vereinzelt und entwickelte auch kein besonderes Interesse an ihrer Erforschung.
Sie waren aus einer billigen Blei-Zinn-Legierung
gefertigt, so daß sie zum einen nicht sehr haltbar waren und durch Korrosion
leicht zerstört wurden, zum anderen als Massenartikel auch kein großes
Interesse weckten. Zudem boten die Bodenfunde oft keinen Anhaltspunkt zur
Identifizierung, da sie entweder keine Inschrift trugen oder aber dieselbe
schlecht lesbar bzw. nicht erhalten war. Auch die archäologischen Begleitfunde
gaben oft nur ungenaue Hinweise für eine Datierung.
Hier war es vor allem Frankreich, wo am Seine-Ufer
derartige Objekte von Wallfahrtsorten gefunden wurden, die hauptsächlich an
den Pilgerwegen nach Santiago de Compostella lagen[2]. Publiziert wurden sie von Arthur Forgeais. Sie sind vor allem aus
formalen Gründen weitgehend ins 13. und 14. Jahrhundert zu datieren[3].
Eine genauere zeitliche Fixierung wurde erst
möglich, als zu Beginn dieses Jahrhunderts einige Forscher darangingen, sich
den Abgüssen derartiger Zeichen auf Glocken zu widmen. Hier ist als erster der
Däne F. Uldall zu nennen, der
1906 in seiner Publikation über die mittelalterlichen Glocken Dänemarks[4] nicht nur Abbildungen mit exakten Maßangaben
dieser Zeichen lieferte, sondern auch eine Zuschreibung versuchte. Da er hier
Neuland beschritt und sich weitgehend
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 196
ikonografische Hilfen stützen mußte, ist es nicht
verwunderlich, daß er manche Zeichen falsch interpretierte. So hielt er den Elsäßer
Bischof Theobald für Nikolaus (S. 47 u. 94) oder den in
Neuss verehrten Martyrer Quirinus für
Mauritius (S. 109 u. 158).
Erschwert wurde eine solche Identifizierung vielfach
dadurch, daß Uldall die Reliefs
mit Hilfe von Papierabklatschen reproduziert hatte, wodurch keine hinreichende
Präzision erzielt wurde. Dies gilt zumal für die oft nur 2 mm großen Textzeilen
der Inschrift. Als Beispiel kann hier das Pilgerzeichen einer Äbtissin mit
Inschriftleiste dienen, die Uldall
als walpvrg
in Majuskeln wiedergab und der hl. Walburga in Eichstätt zuordnete.
Diese Identifizierung blieb nahezu ein Jahrhundert erhalten, bis 1990 das Germanische
Nationalmuseum in Nürnberg ein zuvor erworbenes Original veröffentlichte,
das in Minuskeln den deutlich zu lesenden Namen s. otilia zeigte und diese Devotionalien somit der hl. Odilia im
elsäßischen Odilienberg zuordnete[5].
Desungeachtet bietet Uldalls Publikation noch heute einen wichtigen Meilenstein
auf dem Wege der Pilgerzeichenforschung zumal für die skandinavischen Glocken.
Obwohl bereits zwei Jahre vor Uldall von Paul Liebeskind einige kurze Beiträge zu Pilgerzeichenfunden
vor allem auf thüringischen Glocken erschienen waren[6], werden sie hier nachrangig dargestellt, da Liebeskind selbst in seinem ersten
Beitrag darauf hinwies, daß er die Anregung zu dieser Interpretation Uldall verdankte.
Zwar waren schon in einigen älteren
Veröffentlichungen diese bildlichen Darstellungen erwähnt worden[7], aber ihre Funktion als Pilgerzeichen wurde
nicht erkannt, vielmehr waren sie nur als Relief,
Figur oder Medaillon beschrieben
worden. Liebeskinds Zusammenstellung
brachte bereits mehrere Exemplare eines einzelnen Wallfahrtsortes, wobei er
stolz schrieb, daß von einem gar der
Ursprungsort nachzuweisen sei. In den meisten Fällen gelang ihm eine
Identifizierung des Ortes nicht, da er sich vor allem an der Veröffentlichung
von Forgeais orientierte, dessen
Funde vor allem aus Zeichen französischer Wallfahrtsorte bestanden.
So identifizierte er irrtümlich Servatius aus
Maastricht mit dem heiligen Quentin oder Theobald aus Thann mit dem Reimser Bischof
Nicasius. Anders als Uldall illustrierte
Liebeskind seine Darstellung mit
Zeichnungen, die zwar nicht immer exakt mit der Vorlage übereinstimmten, bei
denen aber die wesentlichen Details besser zu erkennen waren.
Die weitere Erforschung der Pilgerzeichen
stagnierte bis zur Glocken-erfassung des Zweiten Weltkrieges[8]. Die hierbei vorgenommene Inventarisation,
deren Unterlagen ja heute das Deutsche
Glockenarchiv in Nürnberg bilden, berichtete zwar von den auf den
Glocken vorgefundenen "Reliefs", erkannte sie aber in der Regel
nicht als Pilgerzeichen und wußte noch seltener ihre Provenienz anzugeben.
Obwohl sie auf Glocken zahlreicher vorkamen als im
Original, blieben sie selbst für die Glockenkunde ein Randgebiet.
So hat etwa Sigrid
Thurm, die sich nahezu ein halbes Jahrhundert mit Glocken beschäftigte,
in den vier Bänden des Deutschen Glockenatlas, ihrem Lebenswerk, gerade einmal
sechs Pilgerzeichen beschreiben müssen[9]. Verständlich daher, daß sie sich hierbei auch
irrte[10].
Demgegenüber lassen sich für rheinische Glocken
mehr als 400 Abdrücke von Pilgerzeichen feststellen. Dabei ist zu bemerken, daß
diese Tradition in den Kölner Werkstätten bereits zum Ende des 14. Jahrhunderts
begann und erst durch ihre Meister in andere rheinische Werkstätten übertragen
wurde. So ist auf Glocken Trierer Werkstätten erst nach 1470 ein Pilgerzeichen
finden. Hieran läßt sich erkennen, daß die Tradition, Pilgerzeichen auf Glocken
anzubringen, offenbar regional sehr unterschiedlich ausgebildet war. Dies ist
bei Rückschlüssen auf die Verbreitung einer Wallfahrt zu berücksichtigen.
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1995/96, S. 197
II. Die
Innovation durch Kurt Köster
Nachdem sich somit die Pilgerzeichenforschung
nahezu ein halbes Jahrhundert nicht bewegt hatte, erhielt sie erst durch Kurt Köster einen neuen Schub. Dabei
war es eigentlich ein Zufall, der ihn auf dieses Gebiet brachte.
Bei historischen Studien über den Mainzer Domherrn
Adolph von Breithardt (+ 1491)[11] stieß er auf eine Glocke, die dieser für seinen
Heimatort Breithardt an der Aar gestiftet hatte. Als er sich bei einem seiner
Besuche diese Glocke ansah, wurde sie in zweifacher Hinsicht für seine
weiteren Studien bedeutsam: zum einen interessierte er sich für ihren Gießer,
bei dem es sich um niemand anderen handelte als Tilman von Hachenburg, zum anderen stieß er auf das
Rundmedaillon einer Beweinung Christi, das sich nach einiger Suche als Teil
eines dreikreisigen Aachener Pilgerzeichens entpuppte.
Beide Studien mündeten 1957 in die für
Glockenkunde und Pilgerzeichenforschung bahnbrechende Veröffentlichung über
den Andernacher Gießer Tilman von
Hachenburg, der er mit Recht den kennzeichnenden Untertitel gab: Mit besonderer Berücksichtigung der als
Glockenzier verwendeten mittelalterlichen Pilger- und Wallfahrtszeichen[12].
Immerhin waren es über dreißig solcher Zeichen von
mehr als zehn Wallfahrtsorten, die auf den Glocken dieses Gießers zu finden waren.
Kösters Akribie und historischer
Neugier ist es zu verdanken, daß er diese Zeichen auf insgesamt fast 50 Seiten
und illustriert mit 43 Abbildungen nicht nur ikonographisch beschrieb, sondern
auch den Wallfahrtsort lokalisierte, seine Geschichte darstellte und auf die
jeweilige Literatur hinwies. In der Folge dieser Veröffentlichung erschienen
zunächst weitere spezielle Studien - zum Teil in mehreren Fortsetzungen -
über Quirinus in Neuss[13], den Heiligen Rock von Trier[14], St. Anna in Düren[15], Adrianus von Geerardsbergen[16] oder weitere Heilige an Rhein und Maas[17].
Bei der Auswahl der behandelten Wallfahrten ist
bis zu diesem Zeitpunkt leicht zu erkennen, daß Köster hier noch weitgehend von den regionalen Pilgerfahrten geleitet war, die im Werk seines
Ausgangsgießers Tilman von Hachenburg vorkamen. Hinzu kamen Abhandlungen, die sich
mit den Pilgerzeichen als Massendevotionalie[18] und dem gesamten gesellschaftlichen
kulturhistorischen Umfeld mittelalterlicher Pilgerfahrten befaßten. Hierbei
wurde z.T. die Art und Weise der Heiltumszeigungen deutlich, an der zeitlichen
Einordnung gerade der auf Glocken gefundenen Zeichen wurden Beginn bzw. Dauer
einer Wallfahrt erkennbar, auch machten sie die regionale Bedeutung sichtbar.
Bei einigen Wallfahrtsorten konnte erst durch Oilgerzeichenfunde ihre Existenz
nachgewiesen werden[19].
Mittlerweile hatte sich auch die internationale
archäologische Forschung seiner Studien bedient und ihn bei der Bestimmung der
zunächst spärlichen Bodenfunde zu Rate gezogen. So entstanden Studien über
Bodenfunde in Deutschland[20] wie auch der alten Pilgerstraßen durch Frankreich
nach Santiago de Compostella[21].
Angesichts dieser Fülle von Themen, mit denen sich
Köster ja wie jeder, der sich mit
campanologischer Forschung befaßt, nur neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit
als Generaldirektor der Deutschen
Bibliothek in Frankfurt befassen konnte, wundert es nicht, daß er 1975 nach
seinem Eintritt in den Ruhestand daran ging, seine ganze Kraft auf eine
systhematische Inventarisation der Pilgerzeichen zu richten. Diese Aufgabe
konnte er kurz vor seinem Tode im Jahr 1986 abschließen.
Bei den zahlreichen Nachrufen auf seinen Tod ist
auf diese wichtige Arbeit nicht hingewiesen worden. Dies mag wohl daran
gelegen haben, daß nur wenige einen genauen Einblick hatten und Kösters Schlußbericht auch bis heute
noch nicht veröffentlicht worden ist. Im Folgenden soll das Versäumte wenigstens
andeutungsweise nachgeholt werden.
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 198
III. Die
Zentrale Pilgerzeichenkartei
Als Köster
sich nach 1975 weiter mit der Pilgerzeichenforschung befaßte, versuchte er
dies offenbar zunächst im Rahmen seiner privaten Möglichkeiten, bis er wohl
erkannte, daß der Umfang dieser Kartei eine bessere institutionelle Absicherung
erforderte.
Bereits während seiner früheren Tätigkeit war ihm
der Umgang mit den Gremien der Deutschen
Forschungsgemeinschaft vertraut. Diese förderte im Jahr 1980 zwei
Forschungsprojekte der Realieninventarisation des Instituts für Volkskunde und Kulturgeschichte an der
Universität Würzburg unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Brückner.
Dabei handelte es sich zum einen um eine Wallfahrtsinventarisation in Hessen,
Rheinlandpfalz und Baden-Württemberg, zum anderen um das von Kurt Köster geleitete Projekt einer Pilgerzeicheninventarisation. Der Nachweispflicht
dieser Projekte ist es zu verdanken,
daß 1982 ein Bericht von Heidemarie
Gruppe veröffentlicht wurde, der Thema und Intention dieses
Pilgerzeichenkatalogs erläutert[22]. Auf ihn stützen sich die folgenden Ausführungen
im Wesentlichen, wobei für Details auf diese Veröffentlichung selbst bzw. die
von dieser benutzten und bereits oben erwähnten zahlreichen Arbeiten Kösters
verwiesen wird.
1. Begriffsbestimmung
Da Pilgerzeichen über mehrere Jahrhunderte in
Gebrauch waren, treten sie natürlich auch in unterschiedlichen Formen und
Herstellungstechniken auf. Zwar waren diese in der früheren Literatur bereits
genannt, jedoch nicht in einem systematischen Zusammenhang dargestellt worden.
In der vorliegenden Kartei werden Pilgerzeichen für die Herstellungsart nach
Gußtechnik und Prägetechnik unterschieden.
In der Gußtechnik wird eine Blei-Zinn-Legierung,
die einen niedrigen Schmelzpunkt hat, in eine Hohlform (Model) eingebracht, in
die das dargestellte Relief spiegelverkehrt eingeschnitten wurde.
Für die Verwendung eines Pilgerzeichens als
Glockenzier ergibt sich hieraus folgende Konsequenz: Der Gießer brachte zwar die Pilgerzeichen in gleicher Weise wie die aus Wachs geformten Buchstaben und Reliefs auf die falsche Glocke, hatte
aber hierfür nicht den Model des Pilgerzeichens zur Verfügung, sondern nur
einen Originalabguß. Dieser wurde dann jedoch beim Glockenguß zerstört. Der
Gießer benötigte daher für jedes abzubildende Pilgerzeichen wieder ein neues
Original, wie auch jeder andere Gießer sich dieses Original beschaffen konnte.
Es ist daher sehr fragwürdig, aus der Verwendung ein und desselben Pilgerzeichens
auf denselben Gießer schließen zu wollen, wie auch die Benutzung unterschiedlicher
Pilgerzeichen nicht gegen eine Gießeridentität spricht.
Im einzelnen lassen sich bei der Gußtechnik folgende
Formtypen unterscheiden:
1. Flachgüsse. Es handelt sich hierbei um
geschlossene, meist geometrische Formen von Darstellungen, die entweder
siegelförmig, rund oder rechteckig aussehen, letztere mit Rund- bzw.
Dreiecksgiebel versehen. Derartige Flachgüsse sind die frühesten Formen von
Pilgerzeichen, die im allgemeinen in die Zeit vor 1350 zu datieren sind, was
sich auch in der Verwendung von Majuskeln bei einer evtl. Legende zeigt[23]. Ihre Maße liegen etwa zwischen 40 und
60 mm. An den Seiten befinden sich meist Ösen zur Befestigung.
2. Gittergüsse. Hier sind die Formen
vielfältiger als unter Nr. 1. Entscheidend ist vor allem die Tatsache, daß die
dargestellte Fläche durchbrochen ist, so daß filigranähnliche Gebilde
entstehen. Diese Form beginnt bereits ab 1300 und wird ab 1350 ausschließlich
verwendet. Dabei werden sie mit spätgotischen Fialen, Krabben oder Spitzgiebeln
verziert. Dies führt dazu, daß diese
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8, 1995/96, S. 199
[Die
Seite 199 bietet vier Abbildungen von Pilgerzeichen: Abb. 1: Flachguß,
Originales Pilgerzeichen (52x60 mm) aus Köln, Anbetung der Hl. Drei Könige (13.
Jh.); Abb. 2: Gitterguß, Ädikula (62 x 66 mm). Glockenabguß in Isenburg (Kr. Neuwied),
1441 von dem Kölner Meister Ailf van Wippervorde und Teil van Keppel: Pieta und
Bischof (Servatius?), Inschriftenlegende: ihesus. maria. serfas?; Abb.
3: Gitterguß, Heiligenfigur (73 x 42 mm). Originales Pilgerzeichen aus Neuss:
hl. Quirinus über kurkölnischem Wappenschild mit Reichsadler. Standleiste mit Legende:
s. quirinus (nach 1475); Abb. 4: Plakette, spitzgieblige Ädikula (70 x
48 mm). Gipsabguß eines Glockenabgusses in Leuscheid (Rhein-Sieg-Kreis), 1496
von dem Andernacher Meister Peter von Echternach: Gnadenbild der Gottesmutter
unbekannter Provenienz.]
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 200
Zeichen häufig im Original oder auch im Abguß
beschädigt sind. Gelegentlich ist auch die Praxis anzutreffen, daß sie mit
Spiegeln oder Papier hinterlegt sind. Eine mögliche Legende ist in Minuskeln
geschrieben. Die Maße liegen zwischen 50 und mehr als 100 mm. Wegen der
gitterähnlichen Form erübrigen sich oft eigene Ösen als
Befestigungsvorrichtung, so daß ein Fehlen der Ösen in keinem Fall ein Indiz
dafür ist, daß es sich nicht um ein Pilgerzeichen handelt.
3. Plaketten. Diese meist runden oder
giebelförmigen Zeichen sind in der Regel sehr viel kleiner als die Gittergüsse,
ihre Maße liegen unter 50 mm. Sie haben häufig medaillenähnliche Gestalt
und lassen sich auf Glocken erst vom Ende des 15. Jahrhunderts an feststellen.
Bei der Prägetechnik
wird mittels eines Stempels die bildliche Darstellung in ein Metallblech
aus Messing oder gar aus Silber eingedrückt. Dieser Brakteat, der rund, oval,
vier- oder mehreckig sein kann, besitzt in der Regel keine Ösen. Vielmehr
wurden mittels eines Stiftes Löcher in den Rand gestanzt, die für die Befestigung
verwendet wurden.
Zur Funktion der Pilgerzeichen soll hier nur
soviel gesagt werden, daß sie von den Pilgern am Wallfahrtsort als Andenken
mitgebracht wuden, um sowohl die Durchführung ihrer Wallfahrt zu
dokumentieren und den Segen des Heiligtums oder des Heiligen mitzunehmen. Durch
das Anheften des Zeichens an der Pilgertasche, am Hut oder an der häuslichen
Wohnung erfuhren sie Schutz, das Anbringen auf Glocken übertrug den Segen auf
alle, die deren Klang hörten.
2. Aufbau der Kartei
In der Darstellung bei Heidemarie Gruppe enthält die Materialsammlung von Köster folgende Abteilungen:
eine
Literaturkartei zur Pilgerzeichenforschung
eine Kartei
von Orten, für die bereits Pilgerzeichen identifiziert sind
eine
Kartei von Heiligen, für die Pilgerzeichen identifiziert sind
eine
Sammlung von Sonderdrucken oder Kopien von Aufsätzen, die oft schwer zugänglich
sind (von Köster Specimina genannt)
eine
Sammlung von Fotos bzw. Negativen originaler Objekte
Abgüsse
von Pilgerzeichen auf Glocken
Heidemarie Gruppe hatte in dieser Übersicht den Erfassungsstand
mitgeteilt, wie er zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichtes, also im Jahr
1982, vorlag.
Der Bericht über die nachfolgende und abschließende
Arbeitsphase, der von Köster selbst
im Dezember 1985 abgefaßt und bisher noch nicht publiziert wurde, soll hier
die Grundlage für die Darstellung des derzeitigen Forschungsstandes in Kösters
Pilgerzeichenkartei liefern. Die entsprechenden Passagen lauten im Wortlaut:
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 201
(3.) Erreichter Stand der Sichtung und Ordnung der
Materialsammlungen
A.
Pilgerzeichenkatalog
|
Kategorie |
örtlich zuweisbar |
örtlich nicht zuweisbar |
gesamt |
|
Pilgerzeichen, originale |
1983 |
1277 |
3260 |
|
Model, originale, zum Guß von Pilgerzeichen |
40 |
36 |
76 |
|
Abgüsse von Pilgerzeichen,
überwiegend auf ma. Glocken, daneben auf kirchlichem Gerät |
1125 |
640 |
1765 |
|
Sonstige Formen ma.
Pilger-Devotionalien: Ampullen, Glöckchen, Hörner etc. |
274 |
331 |
605 |
|
Bildliche Darstellungen von PZ u.
Pilger-Devotionalien in de ma. Kunst (Gemälde, Skulpturen, vor allem
gemalte Kollektionen in spätma. Gebet- u. Stundenbüchern) |
327 |
326 |
653 |
|
Archivalische u. literarische
Zeugnisse: Kirchenrechnungen, Heiltums- u. Mirakel-Bücher, religiöse
Traktate des MA. |
218 |
11 |
227 |
|
Objekte insgesamt |
3967 |
2621 |
6588 |
Die
örtlich zuweisbaren PZ verteilen sich auf 272 Orte in 20 Ländern. Orte mit mehreren
Kultstätten bzw. -objekten (z.B. Heiliges Land, Rom, Köln, Trier, u.a.) sind
nur einmal gezählt; die Anzahl der erfaßten Kultstätten liegt daher um einige
Dutzend höher.
Von den
(einstweilen) keiner bestimmten Kultstätte zuweisbaren PZ erscheinen in obiger
Zusammenstellung nur die, deren Bildinhalt ikonographisch identifizierbar ist,
u.a. Maria mit ca. 700, Christus mit fast 500 Belegen; dazu Materialien über
etwa 100 verschiedene Heilige.
Von den
weder örtlich noch einem bestimmten Heiligen zuweisbaren Objekten sind die
größten und wichtigsten Gruppen (hl. Bischöfe, Pilger-Ampullen) karteimäßig
erfaßt. - Andere örtlich nicht zuzuweisende Sonderformen von ma.
Pilgerdevotionalien (z.B. Hörner, Glöckchen, Pfeifchen, Tonfigürchen) -
umfangmäßig nochmals etwa 300 Objekte - konnten aus Zeitmangel nicht mehr in
die Karteiform übertragen werden.
B. Materialsammlungen und Hilfsmittel zur
Ergänzung und zur Erschließung der Zentralen Pilgerzeichenkartei.
1. Fotodokumentation, karteimäßig geordnet
Umfaßt
alle Bildmaterialien, die nicht in der PZK selbst unterzubringen waren. Hier
finden sich u.a. alle Sammelaufnahmen einschlägiger Objekte, geordnet nach
besitzenden Museen und Sammlungen, ferner Fotos von Glocken mit Abgüssen von
PZ, besonders solchen mit mehreren Abgüssen auf ein und derselben Glocke. -
Eine sehr umfangreiche Sammlung umfaßt Fotos mit Darstellungen von Pilgern und
Pilgerheiligen in der ma.
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 202
Kunst,
darunter viele Detailvergrößerungen der darauf abgebildeten
Pilger-Devotionalien.
2. Hilfskartei zu den fast 1800 Glockenabgüssen
von PZ
Sie verzeichnet - alphabetisch nach
Besitzorten geordnet - 765 ma. Glocken mit den jeweils darauf abgegossenen PZ.
Für diese internationale Kartei wurden alle noch vorhandenen und zugänglichen
Materialien (Karteien u. Fotos) herangezogen und ausgewertet, die im
Zusammenhang mit den Glockenabgaben des Zweiten Weltkrieges in den
Sammellagern entstanden sind. - Zusätzlich wurde eine alphabetisch geordnete
Sammlung von Kopien älterer Glockenaufnahmen aus Materialien des Deutschen
Glockenarchivs und verschiedener Landesdenkmalämter angelegt.
3. Hilfskartei der - meist in der Form minutiös
gemalter Kollektionen - in spätmittelalterl. Gebet- und Stundenbüchern zur
Darstellung gebrachten Pilger-Devotionalien, insgesamt über 400 Objekte aus 26
Hss. des 15. und frühen 16. Jahrhunderts, die meisten südniederländischer
Provenienz.
4. Alphabetisches Register der
(Wallfahrts-)Orte, von denen bisher PZ bekanntgeworden sind, mit den Angaben
zur näheren örtlichen Bestimmung (Provinz, Land, Département; Staat) und zu
den dort jeweils verehrten Heiligen bzw. Kultobjekten.
5. Alphabetisches Register der Heiligen mit den
jeweils zugehörigen Kultorten.
6. Ikonographisches Register: alphabetisches
Verzeichnis der Heiligen mit ikonographischer Kurzbeschreibung der jeweils
zugehörigen Pilgerzeichen.
7. Stichwortregister hagiographischer,
ikonographischer und formaler Merkmale. Dient insbesondere der Erleichterung
von Einordnung und Identifizierung neuer Funde.
8. Literatur-Sammlung u. Literatur-Kartei
Die duplizierte Literaturkartei umfaßt
jetzt ca. 2300 Titel; der eine Karteistrang ist alphabetisch nach Verfassern,
der andere nach Orten und Sach- bzw. geographischen Gruppen geordnet. Mehr als
die Hälfte der dort erfaßten Arbeiten liegt - in 22 Stehsammlern DIN A 4
geordnet - in Sonderabdrucken oder Kopien vor. Diese Sammlung von vorwiegend
entlegeneren und schwer beschaffbaren Titeln zur PZ-Forschung und ihren
Hilfswissenschaften ist inzwischen auf ca. 1400 Specimina aus 27 Ländern
angewachsen, d.h. seit der letzten Berichterstattung (Febr. 1984) nochmals um
fast 300 Stücke.
An diese Darstellung fügt Köster einen persönlich
gehaltenen Ausblick an, in dem er
seine Absicht bekundet, soweit es in seinen Kräften steht, diese ZPK laufend zu
ergänzen. Er weist jedoch auf sein Alter von 73 Jahren hin und schließt mit den
fast prophetisch klingenden Worten:
Ich
beabsichtige, nach meinem Tode oder beim Aufhören meiner Arbeitskraft meine gesamten,
die PZ-Forschung betreffenden Materialien an eine wissenschaftliche Institution
abzugeben, die bereit ist und die Gewähr dafür bietet, daß diese nicht
"archiviert" werden, sondern in liberaler Weise der internationalen
Forschung zugänglich bleiben.
Datiert ist dieser im Dezember 1985 verfaßte Text
am 10. Januar 1986, gestorben ist Kurt Köster am 14. Juli 1986.
4. Der Weg der Zentralen Pilgerzeichenkartei
Anfänglich waren die Unterlagen der im Zweiten
Weltkrieg durchgeführten Inventarisation aller abgelieferten Denkmalglocken
als Deutsches Glockenarchiv (DGA) in
Hamburg verblieben und erst 1965 zum
Germanischen Nationalmuseum nach
Nürnberg gekommen. Hier wurden sie in das Archiv
für Bildende Kunst eingegliedert, wobei rechtlich die einzelnen Unterlagen
im Besitz der jeweiligen Bundesländer verblieben sind und in Nürnberg
lediglich treuhänderisch verwaltet werden[24]. Da Köster
von der Glockenkunde kam und wesentliche Erkenntnisse über die
Pilgerzeichen aus seiner Arbeit mit dem DGA kamen, dachte er von Anfang an
trotz einiger Bedenken daran, die Zentrale Pilgerzeichenkartei ebenfalls nach
Nürnberg zu geben.
Bald nach seinem Tod wurde somit die ZPK mit Kösters übrigem wissenschaftlichen
Nachlaß ebenfalls nach Nürnberg in das Archiv für Bil-
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 203
dende Kunst eingegliedert, das inzwischen mehr
als 400 Künstlernachlässe beherbergte. Somit befand sie sich zwar
institutionell im selben Rahmen wie das DGA[25], hat aber als privater Nachlaß einen anderen rechtlichen
Status, außerdem bestanden beide Karteien parallel nebeneinander und waren
unterschiedlich miteinander verzahnt.
Aus dieser unterschiedlichen rechtlichen Stellung
und Verzahnung beider Datensammlungen ergaben sich auch Schwierigkeiten für
die Nutzung, zumal vor Bezug der neuen Gebäudeteile des Museums im Jahr 1992
das Magazin verstreut und z.T. schwer zugänglich untergebracht war.
Während nämlich bei der ZPK die jeweiligen
Karteikarten des DGA als Quelle angegeben sind, fehlen diese Angaben im
umgekehrten Falle; d.h. bei Anfragen an das DGA nach Unterlagen über Glocken
des 15. Jahrhunderts, auf denen sich evtl. Pilgerzeichen befinden, gibt es auf
den Karteikarten keinen Hinweis auf eine parallele Erfassung in der ZPK. Aus
diesem Grunde kann beispielsweise der Bearbeiter einer Glocke etwas über ein
"Relief" auf der Glocke erfahren, dessen Identifizierung und
Provenienz ihm unbekannt ist und bleibt, obwohl genau dieses Relief als
Pilgerzeichen in der unmittelbar benachbarten ZPK identifiziert und
lokalisiert ist[26].
Seit Beginn der Übernahme des DGA im Jahr 1965
sind die Versuche, für seine Betreuung vom Träger des Museums auch eine Berücksichtigung
bei der personellen Ausstattung zu erreichen, ohne Erfolg geblieben[27]. Dies waren auch die Bedenken, die Köster
zeitweise gegen eine Übereignung der ZPK hatte. Daß dennoch die Beantwortung
von Anfragen oder die Betreuung der Besucher in einem Maße erfolgt, das Köster als liberal bezeichnen würde, ist vor allem dem außerplanmäßigen Engagement
der Mitarbeiter zu verdanken[28].
Eine unzureichende personelle Ausstattung wirkt
sich natürlich vor allem auf die fehlende Aktualisierung des erfaßten
Materials aus. Konkret bedeutet dies etwa für die ZPK Kösters, daß die von diesem geplante ständige Ergänzung ein
Desiderat geblieben ist und die Kartei sich international auf dem Stand befindet,
auf dem sie von Köster 1986
abgeschlossen wurde.
Aus diesem Grunde ist es angebracht, die weitere
Entwicklung hier zu schildern, zumal in diesem Zeitraum das Auffinden
originaler Pilgerzeichen in einem Maße angewachsen ist, das Köster sich wohl kaum hätte vorstellen können.
IV
Europäische Pilgerzeichenforschung neben und nach Kurt Köster
Die Pilgerzeichenforschung im deutschen Sprachraum
wurde nahezu ausschließlich von Köster betrieben[29]. Während dieser Zeit sind an europäischen Studien
vor allem die Arbeiten des Engländers Brian
Spencer zu erwähnen, in denen unter den Devotionalien auch zahlreiche
Pilgertaschen, Ampullen o.ä. aufgeführt werden[30]. In Dänemark hat Niels-Knud Liebgott[31] die frühe Arbeit von F. Uldall weitergeführt, wie in Frankreich Colette Lamy-Lassalle[32] die mehr als hundert Jahre alte bereits erwähnte
Edition von A. Forgais.
Trotz der umfangreichen Studien von Köster sind selbst im deutschen
Sprachraum erst wenige weitere Arbeiten erschienen, die jedoch im wesentlichen
auf der Materialsammlung der ZPK gründeten. Hierbei ist zunächst eine
Magisterarbeit von Andreas Haasis-Berner zu nennen, die
1995 an der Universität Freiburg/Br. entstand und den gesamten Bestand der
Pilgerzeichen bis etwa zum Jahr 1350 sowie ihren geistesgeschichtlichen
Hintergrund behandelt[33]. Es ist der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß diese
Arbeit andere zu einer Darstellung des anschließenden Zeitraumes anregen mag.
Als weitere Veröffentlichungen einzelner Wallfahrtsorte sind zu nennen aus
dem Dänischen der Beitrag von Lars
Andersson über die heilige Birgitta[34] sowie die früher schon von Köster angekündigte, aber nicht mehr
verwirklichte Behandlung der St. Matthias-Wallfahrt in Trier durch Jörg Poettgen[35]. und die bereits erwähnte Studie über die heilige
Odilia von Elly van Loon- van de
Moosdijk[36].
Bereits in seinen ersten Veröffentlichungen über
Pilgerzeichen hatte Köster
mehrfach die
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 204
Bedeutung ihrer Abgüsse auf Glocken für die
Kenntnis und Erforschung dieser mittelalterlichen Devotionalien betont, da originale Zeichen fast überhaupt nicht
erhalten seien. Noch in seiner dritten Veröffentlichung über die Neusser Quirinuszeichen
(im Jahr 1980) konnte er bei 127 Belegstücken nur drei Originale aufweisen.
Seit diesem Zeitpunkt hat sich der Befund grundlegend geändert, so daß Köster in der Vorbemerkung zu dem o.e.
Abschlußbericht der PZK vom Januar 1986 von ungewöhnlich zahlreichen Neufunden berichtete, die durch die lebhafte internationale Ausgrabungstätigkeit
zu Tage getreten seien. Dabei verwies er auf seine jüngsten Veröffentlichungen
der Jahre 1983 (Schleswig) bis 1985 (Braunschweig) hin, von denen sein Beitrag
in dem Ausstellungskatalog der Genter Ausstellung zum 1000jährigen Jubiläum
der Jakobus-Wallfahrt[37] im deutschsprachigen Raum bisher wenig zur
Kenntnis genommen wurde. Dies alles war jedoch nur die Spitze eines Eisberges
gemessen an den Funden, die vor allem in den Niederlanden seitdem getätigt
wurden.
1988, zwei Jahre nach Kösters Tod, erschien als erste derartige Veröffentlichung Heiligen uit de Modder[38], in deren Vorwort R.M. Van Heeringen, Archäologe der Provinz Seeland, schrieb, daß
im letzten Jahrzehnt die Anzahl der bekannten Pilgerzeichenfunde von 22 auf
über 700 gestiegen sei. Davon stammten mehr als die Hälfte aus dem im Jahr
1532 versunkenen Dorf Nieuwlande in der Scheldemündung. Ermöglicht wurden diese
Funde durch den Einsatz von Metalldetektoren, mit denen vor allem auch
Hobby-Ausgräber bei Ebbe den Boden absuchten. Manche Archäologen beklagen
allerdings, daß hierbei oft auch weitere archäologische Spuren und Kontexte in
unverhältnismäßiger Weise zerstört wurden.
Nach den ersten Erfolgen wurde diese Suche
systematisch betrieben und die Funde von Sammlern aufgekauft, zu denen vor
allem H.J.E. van Beuningen gehört.
Dieser hat seine Sammlung in eine Stiftung[39] eingebracht, um die Fülle der Zeichen in enger Zusammenarbeit
mit Prof. A.M. Koldeweij von der Katholieke Universiteit Nijmegen wissenschaftlich
auswerten zu können. Koldeweij hatte
auch schon vordem mit Köster zusammengearbeitetet.
Als Ergebnis dieser Kooperation wurde van
Beuningens Sammlung 1993/94 im Museum Boymans - van Beuningen in Rotterdam
in einer Ausstellung unter dem Titel Heilig
en Profaan gezeigt und gleichzeitig veröffentlicht[40]. Der Titel macht deutlich, daß sich die Funde
nicht nur auf religiöse, sondern auch auf profane, i.e. vor allem erotische
und sexuelle Zeichen erstrecken, die bisher von den Glockenabgüssen
verständlicherweise nicht bekannt waren. Im Zusammenhang mit Ausstellung und
Publikation fand im Februar 1994 in Rotterdam ein Symposium statt, auf dem
über Pilgerzeichenfragen diskutiert wurde und deren Vorträge ebenfalls im
Druck erschienen sind[41].
Van Beuningens Sammlung umfaßt mittlerweile nahezu 5000 Zeichen.
Für diese und andere niederländische und belgische Kollektionen, deren
Gesamtzahl sich bald auf 10.000 Objekte belaufen wird, ist unter dem Titel Projekt 2000: Heilig und Profaan II eine Gesamtinventarisation geplant, die
um die Jahrtausendwende abgeschlossen sein und ebenfalls veröffentlicht werden
soll. Anders als bei Kösters ZPK
wird diese Erfassung nicht mehr auf Karteikarten, sondern in edv-Dateien erfolgen.
V.
Ergebnis
Die internationale Pilgerzeichenforschung zeigt
somit am Ende des 20. Jahrhunderts zwei voneinander getrennte Fonds mit
Materialien zur Pilgerzeichenforschung:
auf der einen
Seite Kösters abgeschlossene PZK, die - aus personellen Gründen - weder durch
Funde, noch durch neue Erkennisse weiterer Veröffentlichungen ergänzt wird.
Auf der
anderen Seite die ständig noch wachsende Sammlung neuer Originalfunde.
Es stellt sich daher die Frage nach dem Verhältnis
beider Inventarisationen zueinander. Hierbei sind zunächst neben anderen
Aspekten auch
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 205
unterschiedliche Aussagequalitäten zu
berücksichtigen. Die PZK enthält etwa 1600 Belege von Pilgerzeichenabdrücken
auf Glocken, die sich ja dadurch von den Originalen unterscheiden, daß sie in
der Regel eindeutig zu datieren sind, während bei den Originalen oft nur
formale Kriterien herangezogen werden können, da bei den Grabungen meist
datierbare Beifunde fehlen. Die niederländische Inventarisation fällt dadurch
auf, daß in den Niederlanden derartige Glockenabdrücke bisher wenig verzeichnet
sind. Offenbar war die Praxis, Pilgerzeichen auf Glocken abzubilden, dort
nicht sehr verbreitet. Auch die jüngsten Veröffentlichungen von Elly van Loon - van der Moosdijk[42] machen deutlich, daß es sich bei den
Pilgerzeichenabgüssen auf niederländischen Glocken offenbar um Einzelbeispiele
handelt.
Aus all dem ergibt sich, daß die internationale
Pilgerzeichenforschung bei künftigen Studien nach Möglichkeit den gesamten
Informationsstand beider Archive berücksichtigen muß. Es ist daher wünschenswert,
wenn für beide Datensammlungen eine Transfermöglichkeit gefunden wird, die
eine gegenseitige Verzahnung ermöglicht.
[1] JbGK 1/2 (1989/90), 1990, S. 139-141.
[2] Vgl. hierzu A. Haasis-Berner (wie Anm.33), S.9.
[3] A.
Forgeais, Collection des plombs historiés trouvés dans la
Seine, 5 Bde, 1862-1865.
[4] F. Uldall, Danmarks middelalderlige Kirkeklokker. 1906 (Nachdruck 1982).
[5] R. Kahsnitz, Pilgerzeichen mit hl. Odilia. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, 1990, S. 175. Die Verbindung zu dem von Uldall wiedergegebenen Zeichen der angeblichen Walburga stellte jedoch erst E. Van Loon - van de Moosdijk her (vgl. Beitrag in diesem Jahrbuch).
[6] P. Liebeskind, Pilger- oder Wallfahrtszeichen auf Glocken. In: Die Denkmalpflege 6 (1904), S. 53-55; 7 (1905), S. 117-120; 125-128.
[7] H. Otte, Bau- u. Kunstdenkmäler des Kreises Merseburg (1883), P. Lehfeld,Bau- u. Kunstdenkmäler Thüringens (1888ff), H. Bergner, Zur Glockenkunde Thüringens (1896).
[8] Eine Veröffentlichung von Albert Schröder, Pilgerzeichen im mittleren Deutschland, besonders in der Provinz Sachsen. In: Ztschr. d. Vereins f. Kirchengesch. der Provinz Sachsen und des Freistaates Anhalt 29 (1933), S. 105-121, bringt im wesentlichen nur eine Zusammenfassung der bereits genannten Veröffentlichungen.
[9] Sigrid Thurm (Bearb.), Deutscher Glockenatlas, bisher vier Bände 1957-1986.
[10] Vgl. in diesem Jahrbuch den Beitrag von E. van Loon-van de Moosdijk, St. Odilia, S. 185-193, hier S. 193, Anm. 13.
[11] In: Nassauische Lebensbilder, hrsg. von Rudolf Vaupel, Bd. 3, Wiesbaden 1948, S. 76-83.
[12] In: Jb. d. Hess. Kirchengeschichtl. Vereinigung, 8 (1957), S. 1-206.
[13] Jeweils im Neusser Jahrbuch für Kunst, Kulturgeschichte und Heimatkunde, zuerst 1956, S.15-28, abschließend 1984, S. 11-29.
[14] Wallfahrtsmedaillen und Pilgerandenken vom Heiligen Rock zu Trier. In: Trierisches Jahrbuch 10, 1959, S. 36-56 u. Abb.
[15] Wallfahrtszeichen und Pilgerdevotionalien aus der Frühzeit der Sankt-Anna-Wallfahrt. In: Erwin Gatz (Hrsg.): St. Anna in Düren. Mönchengladbach 1972, S. 191-244.
[16] Pilgerzeichen und Wallfahrtsplaketten von St. Adrian in Geerardsbergen. Zu einer Darstellung auf einer flämischen Altartafel des 15. Jahrhunderts im Historischen Museum zu Frankfurt am Main. In: Städel-Jahrbuch 4 (1973), S. 103-120, mit 12 Abb.
[17] Mittelalterliche Devotionalien. In: Rhein und Maas. Kunst und Kultur 800-1400. Katalog der Ausstellung. Köln 1972, S. 146-160. Behandelt sind hier - im Gegensatz zu den anderen Beiträgen nur jeweils beispielhaft - Cornelius, Servatius, Aachen und Trier.
[18] Pilgerzeichenstudien. Neue Beiträge zur Kenntnis eines mittelalterlichen Massenartikels und seiner Überlieferungsformen. In: Bibliotheca docet. Festgabe für Carl Wehmer. Amsterdam 1963, S. 77-100 u. Abb.
[19] Diese Aussagen ziehen sich durch alle Veröffentlichungen von Köster. Eine ziemlich geschlossene Darstellung bietet sein Beitrag: Mittelalterliche Pilgerzeichen. In: Wallfahrt kennt keine Grenzen. Themen zu einer Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums und des Adalbert Stifter Vereins, München, hrsg. von Lenz Kriss-Rettenbeck und Gerda Möhler. München-Zürich 1984, S. 203-223.
[20] Pilgerzeichen und Ampullen. Zu neuen Braunschweiger Bodenfunden. In: Hartmut Rötting: Stadtarchäologie in Braunschweig. Hamalen 1985, S. 277-286.
[21] Pilgerzeichen und Pilgermuscheln von mittelalterlichen Santiagostraßen. Saint Leonard, Rocamadour, Saint-Gilles, Santiago de Compostella. Ausgrabungen in Schleswig. Berichte und Studien 2, Neumünster 1983.
Jahrbuch für Glockenkunde 7/8,
1995/96, S. 206
[22] Heidemarie Gruppe, Pilgerzeichen-Inventarisation. Zu Begriff und Sache im DFG-Projekt "Pilgerzeichenkatalog". In: W. Brückner (Hrsg.): Wallfahrt - Pilgerzeichen - Andachtsbild. Veröff. zur Volkskunde und Kulturgeschichte Bd. 14, Würzburg 1982, S. 9-46.
[23] Eine nahezu umfassende Darstellung der Pilgerzeichen dieser Zeit bietet Andreas Haasis-Berner, Pilgerzeichen des Hochmittelalters. Untersuchung zu ihrer Entstehung und Bedeutung. (Vgl. unten Anm. 33).
[24] Vgl. die ausführliche Darstellung von Ludwig Veit, Das Deutsche Glockenarchiv im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg 1965-1985. In: Lusus Campanularum. Beiträge zur Glockenkunde. Sigrid Thurm zum 80. Geburtstag. Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege 30 (1986), S. 91-98.
[25] Beide sind zu erreichen unter der Adresse: Germanisches Nationalmuseum - Deutsches Glockenarchiv rsp. Pilgerzeichenkartei (Nachlaß Köster) - , Karthäusergasse 1, 90402 Nürnberg.
[26] So haben zwar L. u. K. Hallof bei der Darstellung der Pilgerzeichen auf den zu behandelnden Glocken des Kreises Jena (Die Inschriften des Landkreises Jena. Die Deutschen Inschriften 39. Berlin 1995) neben den o.g. frühen Veröffentlichungen von Bergner und Liebeskind auch die Unterlagen des DGA zu Rate gezogen, dort aber keinen Hinweis auf die benachbarte PZK gefunden und somit einige Pilgerzeichen nicht ausreichend identifizieren können (frdl. Mitteilung v. 6.7.1996).
[27] Hierzu Veit (wie Anm. 23), S. 91.
[28] So ist der Verf. Dr. Claus Pese vom Germanischen Nationalmuseum und seiner Mitarbeiterin Frau Helga Deckelnick außerordentlich dankbar für die Geduld, mit der sie den Zugang zu Kösters Nachlaß erleichtert und die Verwertung des Materials genehmigt haben.
[29] An thematischen Darstellungen sind jedoch zu erwähnen eine Zusammenfassung von Edith Meyer-Wurmbach, Kölner "Zeichen" und "Pfennige" zu Ehren der Heiligen Drei Könige. In: Kölner Domblatt 23/24 (1964), S. 205-292, sowie Otto-Friedrich Gandert, Das Heilige Blut von Wilsnack und seine Pilgerzeichen. In: Brandenburgische Jahrhunderte. festgabe f. Joh. Schultze zum 90. Geb., hrsg. von Gerd Heinrich und Werner Vogel, Berlin 1971, S. 73-90.
[30]
Unter mehreren, meist kleineren Beiträgen der Jahre 1968 bsi 1990 ist vor allem
hervorzuheben Brian Spencer, King
Henry of Windsor and the London pilgrim. Collectanea Londinensia. Studies in London archeology and history
presented to Ralph Merrifield (1978), S. 235-264, sowie ders.,Pilgrim Souvenirs and Secular Badges. Salesbury &
South Wiltshire Museum. Medieval
Catalogue, Part 2 (1990), Salesbury. M. Mitchiner, Medieval
Pilgrim & Secular Badges, London, 1986.
[31] Afstobninger af pilgrimsstegn pa danske
middelalderlige kirkeklokker. In: Aarborger for nordisk Oldkyndighed og
historie (1971), S. 196-240; ders,
Froslevklokkens Relieffer. In: Historik Samfund for Praeströ amt. Arborg
1971-72 (1972), S. 291-315.
[32] Colette Lamy-Lassalle,
Recherches sur un ensemble de plombs dans la Seine. In: Revue des sociétés
Savantes de Haute-Normandie 49 (1968), S. 5-24.
[33] Andreas Haasis-Berner, Pilgerzeichen des Hochmittelalters. Untersuchung zu ihrer Entstehung und Bedeutung. Magisterarbeit der Phil. Fakultät Abt. Ur- und Frühgeschichte der Universität Freiburg/Br. 1995. Eine Veröffentlichung steht noch aus. Haasis-Berner hat jedoch für diesen Zweck einen Großteil von Kösters PZK in eine EDV-Datenbank übertragen, aus der er auf Anfrage gerne erste Auskünfte erteilt (Emmendinger Str. 12, 79183 Waldkirch).
[34] Lars Andersson, Den helige Birgittas pilgrimsmärken pa medeltida klockor. In: Acta Campanologica 3/1988, S. 71-86; ders. Pilgrimsmärken och vallfart, Kumla, 1989.
[35] Jörg Poettgen, Vorreformatorische Wallfahrtsdevotionalien aus dem Matthiaskloster in Trier. In: Kurtrierer Jahrbuch 34 (1994), S. 47-76.
[36] Vgl. Anm. 9.
[37] Santiago de Compostella, Mille Ans de
Pélegrinage Européen. Gent 1985.
[38] R.M.
van Heeringen, A.M.Koldeweij, A.A.G.Gaalman, Heiligen uit de
modder, in Zeeland gevonden Pelgrimstekens. Utrecht 1988.
[39]
Stichting Middeleeuwse Religieuze en Profane Insignes, Brink 5, NL 3945
BE Cothen.
[40] H.J.E.
van Beuningen, A.M.Koldeweij, Heilig en Profaan. 1000 Laatmiddeleeuwse
Insignes uit de Collectie H.J.E.van Beuningen. Rotterdam Papers VIII. Cothen 1993.
[41] A.M.Koldeweij, A. Willemsen (Hrsg.), Heilig en Profaan. Laatmiddel-eeuwse insignes in cultuurhistorisch perspectief. Amsterdam 1995.
[42] E. van Loon - van der Moosdijk, Pelgrimsinsignes op middeleeuwse Luidklokken. In Berichten uit het Nationaal Beiaardmuseum, Nr. 12 (1995) und folgende.
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