![]() | Wallfahrt und Pilgerzeichen Ein Projekt des Lehrstuhls für Christliche Archäologie, Denkmalkunde und Kulturgeschichte an der Theologischen Fakultät der HU Berlin in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Mittelalterliche Geschichte am Institut für Geschichte und Kunstgeschichte der TU Berlin und dem Museum Europäischer Kulturen - Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Preußischer Kulturbesitz | ![]() |
Andreas Haasis-Berner / Günther Haberhauer
Zwei mittelalterliche Pilgerzeichen aus Bad Wimpfen
Vermutlich 1974 wurden bei der Verlegung eines Öltanks am katholischen Pfarrhaus zwei mittelalterliche Pilgerzeichen gefunden. Die Fundumstände sind heute nicht mehr genau zu rekonstruieren. Fest steht lediglich, daß der Bagger im Bereich des ehemaligen Dominikanerklosters eine Reihe von älteren Gräbern aufriß, in denen die Toten, nach Aussage des Arbeiters, sitzend beigesetzt waren. Bedauerlicherweise konnten die Gräber nicht näher untersucht werden, lediglich der Baggerfahrer fand eher zufällig bei einem der Skelette zwei Pilgerabzeichen aus einer weichen Legierung mit Ösen zum Annähen.
Die Wimpfener Pilgerzeichen haben zwar recht großes Interesse hervorgerufen, sind allerdings bisher noch nicht wissenschaftlich bearbeitet worden.
Allgemeine Vorbemerkungen zu den Pilgerzeichen:
Pilgerzeichen aus Metall sind aus archäologischen und schriftlichen Quellen seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bekannt. Grob gesprochen kann man ab 1150 mit Pilgerzeichen aus Metall rechnen.
Diese frühen Zeichen haben gemeinsam, daß sie "massiv" gegossen wurden. Sie bestehen durchweg aus einer Blei-Zinn-Legierung und werden aufgrund ihrer Form "Flachgüsse" genannt.
Die Pilgerzeichen der Zeit bis 1350 stammen in aller Regel von Wallfahrtsorten, die im Zusammenhang mit der Wallfahrt nach Santiago de Compostela oder Rom zu Ruhm und Bedeutung gelangt waren. Dies hat seinen Grund in der Entstehung von Pilgerstraßen, die die Pilgerströme kanalisiert haben und an deren Verlauf auch die übrigen Orte, die zuweilen schon seit der Merowingerzeit regionale Wallfahrtsorte waren, zu neuer Bedeutung gelangt sind.
Um 1300 tauchen die ersten sogenannten "Gittergüsse" auf, bei denen nur noch ein Rahmen und das Motiv gegossen wurden, während der Hintergrund ausgespart blieb. Ab 1350 setzte sich diese Herstellungsart überall durch.
Seit dem frühen 14., aber besonders ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entstanden auch abseits der Jakobsstraßen wichtige Wallfahrtsorte (z.B. Gottsbüren, Wilsnack). Daher kann man schon aus ein formalen Gründen die in Bad Wimpfen gefunden Zeichen mit großer Sicherheit in die Zeit vor 1350 datieren. Des weiteren muß man die Wallfahrtsorte an einer der Jakobsstraßen bzw. der Straße nach Rom suchen.
Glücklicherweise gibt es für beide Exemplare Parallelen, wodurch wesentlich genauere Aussagen über diese beiden Zeichen gemacht werden und sie sicher in die mittelalterliche Wallfahrtsgeschichte eingeordnet werden können.
Das Kreuz
Bei diesem Kreuz (Maße: 4,8 cm x 4,0 cm) handelt es sich um ein Andenken aus der mittelitalienischen Stadt Lucca.
Dort wurde seit dem 8.Jh. das "Volto Santo", ein als wundertätig bekanntes Kreuz verehrt. Besonders im Laufe des 11. und 12. Jahrhunderts - mit dem enormen Anwachsen der Pilgerscharen - nahm auch die Wallfahrt nach Lucca, als Anschlußwallfahrt nach Rom, zu. Das Pilgerzeichen zeigt ein Abbild des verehrten Kreuzes. Weitere Parallelen sind aus Frankreich (Wissant), Italien (Rom), Deutschland (Hildburghausen, Bremen), Großbritannien(London), Schweden (Helsingborg), Norwegen (Bergen, Selje) und Dänemark (Tarnborg). Diese weite Verbreitung des Pilgerzeichens von Lucca spiegelt die große Bedeutung dieses Wallfahrtsortes im Hohen Mittelalter wieder.
Eine exakte Parallele zu dem Wimpfener Stück im Sinne einer Herkunft aus demselben Model gibt es nicht. Dennoch kann man die Zeichen aufgrund der sehr ähnlichen Darstellung und der zuweilen darauf angebrachten Attribute zu einer Gruppe zusammenfassen.
"Typisch" für das Volto Santo sind die Christusfigur mit langem Gewand und nebeneinander abgebildeten Beinen sowie ein Kelch unter den Füßen. Bei einigen Exemplaren befindet sich unter den Kreuzarmen noch eine Inschrift, die die Herkunft des Zeichens mit "Lucii" (o.ä.) angibt. Beim vorliegenden Fall beschränkt sich die Inschrift auf "LV" über den Kreuzesarmen.
In einem Fall (Hildburghausen) ist bekannt, daß auch auf der Rückseite noch ein Kreuz angebracht ist; die zweite Gußform (der Deckel) wies also ebenfalls eine Modellierung auf.
Leider sind nur ganz wenige Stücke archäologisch datiert, so daß man nur grob einen Entstehungszeitraum angeben kann, die genaue Entstehung aber nicht genauer eingrenzen kann. De Datierung könnte dem nach zwischen der zweiten Hälfte des 13. und der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts liegen, was der vermuteten Anlage des Wimpfener Grabes entsprechen würde.
Das querrechteckige Pilgerzeichen mit Umschrift:
Zu diesem Exemplar ist bislang nur einen einzige Parallele bekannt. Diese wurde im Jahre 1849 in Paris, nahe der Petit-Pont bei Baggerarbeiten in der Seine gefunden und 1865 von Forgeais publiziert.
Aufgrund der Umschrift "SIGNA LARENTII ET STEFANI" ist die Identifikation der Heiligen leicht möglich. Zusätzliche Information enthält das Bild durch das Gitter in der unteren Bildhälfte, welches den Rost darstellt, auf dem der Heilige Laurentius den Märtyrertod fand.
Der einzige wesentliche Unterschied zwischen dem Pariser und dem Bad Wimpfener Pilgerzeichen liegt im zentralen Symbol: beim Pariser Stück ist es eine "Schaufel", das Wimpfener hat einen Kreuzstab. Allerdings kann es sich im ersten Falle auch um künstlerische Freiheit handeln. Einige Vergleiche mit noch erhaltenen Stücken haben gezeigt, daß die Abbildungen von Forgeais in kleinen Details abweichen können.
Der Anfang der Inschriften hat Gemeinsamkeiten (verdrehtes S, A ohne mittlere Haste), die auf die Darstellung der Gußform durch einen wenig sorgfältigen Goldschmied (oder einen, der nicht gut schreiben konnte) schließen lassen.
Das Pilgerzeichen stammt aus Rom. Beide Heilige sind hier in der Kirche San Lorenzo fuori le Mura bestattet. Diese Kirche war eine der sieben Hauptkirchen Roms.
Außer der schon überzeugenden Tatsache, daß sich in Rom die Grabstätten der beiden Heiligen befinden, lassen sich noch weitere Gründe für die Identifikation des Wallfahrtsortes anführen. Die Zeichen entsprechen in ihrer Form,
Da es sich bei dem Pariser Exemplar um einen Lesefund handelt, trägt es zur Datierung nicht bei. Die vergleichbaren Petrus&Paulus-Zeichen lassen sich auf die Zeit zwischen 1200 und dem 14.Jh. (wohl bis ca.1350). Das Vera-Icon-Zeichen kann in die Zeit um 1300 datiert werden.
Damit kann man eine Entstehung der Zeichen in der Zeit zwischen 1200 und ca. 1350 annehmen.
Das Wimpfener Pilgergrab
Es ist bemerkenswert, daß ab ca. 1000/1050 Könige, Geistliche und Pilger durch die Mitgabe bestimmter Objekte im Grab in ihrem Rang bzw. ihrem geistlichen Verdienst für das Jüngste Gericht ausgezeichnet werden.
Gegenwärtig sind etwas mehr als 100 mittelalterliche Pilgergräber bekannt. Davon sind über 90 nur durch die Beigabe einer Jakobsmuschel als solche zu erkennen. Das entspricht mit Sicherheit nicht dem ursprünglichen Bild der vorhandenen und mitgegebenen Pilgerzeichen. Der Grund liegt in der Korrosion von Zinnobjekten in normalen Böden.
Daher ist es umso erfreulicher, mit diesem Wimpfener Fund das dritte Grab in Deutschland mit metallenen Pilgerzeichen vorliegen zu haben.
Bei ungestörten Gräbern können noch Aussagen über die Pilgertracht (Befestigung der Muschel an der seitlich getragenen Pilgertasche), über das Geschlecht und das Alter, aber auch über Krankheiten (ein wesentliches Motiv eine Wallfahrt zu unternehmen) getroffen werden.
Allein die Feststellung, es handelt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um einen Mönch, ist bei dem vorliegenden Grab möglich.
Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß es sich bei dem besprochenen Fund um das Grab eines Mönches (?) handelt, welcher eine Wallfahrt nach Lucca und Rom gemacht und Andenken in Form von Pilgerzeichen mitgenommen hat. Das Zeichen aus Lucca stellt das "Volto santo" dar, das von Rom die beiden Märtyrer Laurentius und Stefanus.
Die Datierung der Pilgerzeichen deckt sich erfreulicherweise mit den Angaben, welche aus den Fundumständen hervorgingen. Danach dürfte das Grab zwischen der Mitte des 13.Jh. und der Mitte des 14.Jh. angelegt worden sein. Als äußere Zeichen des irdischen Verdienstes gelangten sie mit ihrem Träger ins Grab.
Literatur:
L. Andersson. Pilgrimsmärken och vallfart. Medeltida pilgrimskultur i Skandinavien. Lund Studies in Medieval Archeology 7 (1989).
R. Benz. Die Legenda Aurea des Jacobus de Voragine (1925).
A. Forgeais. Collection des plombs historiés trouvés dans la Seine IV. Imagerie religieuse (1865).
L. Frohnhäuser. Geschichte der Reichsstadt Wimpfen (darin die Geschichte des Dominikanerklosters). Darmstadt 1870.
A. Haasis-Berner. Pilgerzeichen des Hochmittelalters. Untersuchung zu ihrer Entstehung und Bedeutung. Magisterarbeit Freiburg /Br. 1995 (n. veröffentlicht)
K. Köster. Pilgerzeichen und Pilgermuscheln von mittelalterlichen Santiago-Straßen: St.Léonard-Rocamadour-St.Gilles-Santiago de Compostella. Schleswiger Funde und Gesamtüberlieferungen (=Ausgrabungen in Schleswig, Berichte und Studien 2, 1983)
B.W. Spencer. Pilgrim Souvenirs. Medieval Dublin Excavations 1962-81, Miscellanea 1, Ser.B, Vol.2 (1988), 33-48
G. Schnürer, J.M. Ritz. Sankt Kümmernis und Volto Santo (=Forschungen zur Volkskunde 13-15; 1934).
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